7. Tag der Bauwirtschaft am 10.11.2016

7. Tag der Bauwirtschaft am 10.11.2016

„ Bau- und Ausbau – sind wir im unternehmerischen Schlaraffenland?"

Mit dieser Frage wandte sich der Präsident der Landesvereinigung Bauwirtschaft, Rainer Lorenz, an die ca. 500 Gäste des Tages der Bauwirtschaft 2016 im HCC in Hannover.

In Vertretung der anwesenden Betriebe des Bauhaupt- und Ausbaugewerbes, der Energie-/Gebäudetechnik und der Gebäudedienstleistungen stellte er fest: „Auch wenn überall gebaut wird – es gibt eine große Lücke beim Wohnraum für mittlere Einkommen – hier muss dringend gehandelt werden!“ Zwar sei die Zahl der Baugenehmigungen im Jahr 2016 bereits um 26 % gestiegen und alle seien sich bewusst, dass insbesondere in den Ballungszentren günstiger Wohnraum geschaffen werden müsse. „Dennoch tummeln sich die Investoren derzeit überwiegend im hochpreisigen Mietsegment“, stellte Lorenz fest. Ständig steigende Anforderungen an das energetische Bauen, den Brand- und Schallschutz und die gestiegen Grundstückspreise ließen derzeit keine Trendwende erkennen.

„Wir brauchen daher dringend politische Signale, die das Investitionsverhalten aller Akteure auf dem Wohnungsmarkt ändern“, so Lorenz. Als Beispiel nannte er den seit langem geforderten Anreiz durch eine Erhöhung der linearen Abschreibung von 2 auf 4 %. Auch die seit Jahren geforderte steuerliche Absetzbarkeit von energetischen Sanierungsmaßnahmen stehe nach wie vor auf der politischen to-do-Liste.

Erforderlich sei aber auch die Beseitigung von Unklarheiten, die den Unternehmeralltag belasten: So nannte er die drohende weitere Verschärfungen bei energetischen Standards. „Wir haben mit der aktuellen Energieeinsparverordnung (EnEV) 2014/2016 einen Niedrigstenergiestandard erreicht, der bereits heute den EU-Anforderungen von 2020 genügt!“ Lorenz warnte dringend davor, hier durch eine Überarbeitung der EnEV weiter draufzusatteln, da die damit verbundene Steigerung der Baukosten der Schaffung von günstigem Wohnraum konträr gegenüber stehe.

Kritisch setzte sich Lorenz mit den aktuellen Stolpersteinen im Unternehmeralltag auseinander: Er nannte die Fehlentwicklungen bei der Immobilienkreditvergabe, die Probleme, die sich derzeit bei der Entsorgung von HBCD-belastetem Abfall ergeben und das Unverständnis darüber, dass die Neuregelung der Aus- und Einbaukosten trotz entsprechender Vorgabe im Koalitionsvertrag nach wie vor nicht umgesetzt sei.

Positiv hob er hingegen hervor, dass die niedersächsische Landesregierung durch die Arbeit der Kommission Berufsorientierung am niedersächsischen Kultusministerium die frühzeitigere und intensivere Berufsorientierung an allen Schulformen verstärkt umsetzen will. „ Dies ist genau der richtige Ansatz – wir müssen verhindern, dass viele Unentschlossene nach der Devise handeln - erstmal Abitur und dann irgendwas studieren“!

In seiner anschließenden Rede wies der niedersächsische Ministerpräsident Weil darauf hin, dass die Landesregierung auf den Mangel an bezahlbarem Wohnraum mit einer um das Zehnfache aufgestockten Wohnraumförderung reagiert habe, um die Situation zu entspannen. „Da durch den Zuzug von Flüchtlingen die Lage noch verschärft worden ist, haben wir zusätzlich noch einmal 400 Millionen Euro für den Wohnungsbau zur Verfügung gestellt. Daneben stehen bis 2019 auch weiterhin die jährlichen Kompensationsmittel von jeweils rund 40 Millionen Euro zur Verfügung“, so Weil. Diese Verstetigung der Landesmittel bis zum Jahr 2019 war eine der Forderungen der LV Bauwirtschaft und ist entsprechend positiv zu werten.

Ausführlich nahm auch der Ministerpräsident die Anstrengungen zur Bewältigung des Fachkräftebedarfs und die notwendige Unterstützung der Betriebe bei der anstehenden Digitalisierung der Arbeitswelt in den Blick. In Sachen Immobilienkreditvergabe sagte er zu, sich bei Vorlage belastbarer Zahlen auf Bundesebene umgehend für eine Korrektur der derzeit zu restriktiven Kreditvergabe einzusetzen.

Mit einem Hauch von Ironie präsentierte anschließend Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Bauwirtschaft aus Berlin die aktuellen Baustellen, die sich aus der Umsetzung europarechtlicher Vorschriften ergeben. Besonders kritisch äußerte auch er sich zu der Umsetzung der Immobilienkreditrichtlinie und zur Bauproduktenrichtlinie. Intensive Gespräche seien erforderlich gewesen, um die Probleme des Handwerks in das politische Bewusstsein zu bringen – wie so oft zeichne sich intensive Lobbyarbeit durch Verhinderungserfolge aus. „Wir diskutieren in Deutschland über die Höhe des gesetzlichen Mindestlohnes – aber wer merkt, dass in Brüssel die Allgemeinverbindlicherklärung ganzer Lohntabellen diskutiert wird?“ so Pakleppa. Nur durch das intensive Zusammenarbeiten zwischen Landes-, Bundes- und Europaebne könnten Fehlentwicklungen verhindert werden.

Zum Abschluss der Veranstaltung gab Anitra Eggler, Autorin und Coach, unter dem Titel „Vom Handy versklavt- von E-Mails getrieben“ einen amüsanten Einblick in unseren Umgang mit den digitalen Medien. Die digitale Revolution sei vorbei, jetzt sei jeder gefordert, sich der digitalen Evolution zu stellen. Sie verband diesen Auftrag mit der aufmunternden Botschaft: „Das Betriebssystem für diese digitale Evolution ist immerhin der Mensch!“

In der Landesvereinigung Bauwirtschaft Niedersachsen vertritt die Interessen von ca. 16.000 niedersächsischen Betrieben. In ihr haben sich die acht niedersächsischen Verbände der mittelständischen Bau- und Ausbauwirtschaft zusammengeschlossen. Mitglied sind im Einzelnen der Baugewerbe-Verband, der Landesinnungsverband des Dachdeckerhandwerks, der Landesinnungsverband für Elektro- und Informationstechnik, der Landesinnungsverband Nord-West des Gebäudereiniger-Handwerks, der Malerverband, der Landesverband Metall, der Fachverband Sanitär-, Heizungs-, Klima- und Klempnertechnik und der Verband des Tischlerhandwerks. Auf Bundesebene umfasst die Bundesvereinigung Bauwirtschaft insgesamt rund 300.000 Betriebe mit zirka 2,7 Millionen Beschäftigten, die 300.000 Menschen ausbilden. Bundesweit erbringen die mittelständischen Betriebe der Bau- und Ausbauwirtschaft 75 Prozent der Leistungen der gesamten bauausführenden Wirtschaft.

 

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Von links nach rechts: Felix Pakleppa, HGF der Bundesvereinigung Bauwirtschaft aus Berlin, Cornelia Höltkemeier, Gfin Landesvereinigung Bauwirtschaft Nds., Rainer Lorenz, Präsident der Landesvereinigung Bauwirtschaft Nds., Stefan Weil, Nds. Ministerpräsident, Matthias Winter, Landesinnungsmeister des Verbands des Tischlerhandwerks Nds/ Bremen, Mike Schneider, Landesinnungsmeister des Landesinnungsverbandes Nord-West des Gebäudereiniger-Handwerks, Jürgen Wolf, Präsident des Landesverbands Metall Nds/ Bremen, Karl-Heinz Bertram, Landesinnungsmeister des Landesinnungsverbandes für Elektro – und Informationstechnik Nds/ Bremen, Winfried Jünemann, stv. Landesinnungsmeister des Malerverbands Niedersachsen, Friedrich Budde, Landesinnungsmeister des Fachverbands Sanitär-, Heizungs-, Klima- und Klempnertechnik Niedersachsen Es fehlt: Jochen Angerstein, Landesinnungsmeister des Dachdeckerhandwerks, der an diesem Tag die Geburt seines Sohnes begleitete – wir gratulieren nochmals herzlich!